Das Grauen spürbar machen

Haiger, 30.01.2015

Es war kein romantisches Stück, das der Theaterkurs der Pädagogischen Mittagsbetreuung der Johann-Textor-Schule unter Leitung von Thorsten Tobor am Donnerstagabend seinen Zuschauern präsentierte. Es war anstrengend, schweißtreibend und ermüdend und das war gewollt, beschäftigte es sich doch mit den Geschehnissen vor 70 Jahren kurz vor Kriegsende in Nazideutschland.

Theater AGGemeinsam mit den Darstellern erlebten die Zuschauer eine Episode aus dem Leben von Elsa Tabori. Ihr Ehemann Cornelius - er hatte jüdische Vorfahren - starb in Auschwitz. Die Darsteller nehmen ihre Gäste mit auf den Weg, den Elsa an einem sonnigen Morgen im guten schwarzen Kleid mit Spitzenkragen und dem gelben Stern auf der Brust beschreitet.

Sie möchte ihre Schwester besuchen, wird aber von Beamten der Gestapo aufgegriffen und wartet auf dem Bahnsteig mit vielen anderen auf ihren Abtransport. Die Zuschauer sind mit dabei im Viehwagen, der Elsa nach Auschwitz bringen soll. Sie nehmen an den sorgenvollen Gesprächen teil und spüren die Enge, die im Waggon herrscht. Schließlich erleben sie mit Elsa, die plötzlich zu einer "Mutter Courage" wird, das unerwartete Glück der Befreiung, das Entkommen vor der Deportation nach Auschwitz.

Das Stück ist beklemmend realistisch. Tobor, bekannt für seine anspruchsvollen Aufführungen an der Textor-Schule, ließ bei dem experimentellen szenischen Rundgang keine Chance zur Distanzierung - die Zuschauer waren mitten drin, die Füße taten weh, die Luft war stickig. Die Aufführung orientierte sich an George Taboris Schriften, der die Erlebnisse seiner Mutter festhielt. Später wurden diese als "Mutters Courage" verfilmt.

Auch andere Figuren sind reale Charaktere: Selma K. etwa wurde 1909 in Frankfurt geboren. Sexuelle Haltlosigkeit und Versagen im Alltag werden als Gründe genannt, um sie in Hadamar, heute Euthanasie-Gedenkstätte, sterilisieren zu lassen. Doch, um sie ins Konzentrationslager nach Ravensbrück deportieren zu dürfen, wird sie schließlich "gesund geschrieben". Selma stirbt 1942 in einer Gaskammer in der Mordanstalt Bernburg.

Auf Informationstafeln und per PowerPointPräsentation ließ der Theaterkurs zudem Schicksale der Kinder des Holocaust lebendig werden.

Tobor, ausgebildeter Regisseur, erhielt bei der Realisation von "Mutters Courage" Unterstützung von Nina Löhl und Stefanie Cloos. Als Schauspieler setzten Silvana Hain, Lynn Reumermann, Lisa Wedhorn, Vanessa Neeb, Ann Sophie Krumm, Sophie Brado, Chantal Häußer, Merle Echterbruch, Stine Saalbach, Jennifer Günther, Luise Wohlrah, Pauline Löhr, Larissa Dupp und Niklas Kaiser das beklemmend realistische Stück um.

(Mit freundlicher Genehmigung des Haigerer Kuriers, Text und Foto: Ute Jung.)

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