Säugling mit Mikrochip

Haiger, 25.02.2014.

In der siebten Klasse ein Baby versorgen, das Tag und Nacht schreit - und dann noch Hausaufgaben machen, am nächsten Tag in die Schule gehen und sich vielleicht sogar mit Freunden treffen. Wie ist das zu schaffen?

02-25bAcht Mädchen und fünf Jungen der Johann-Textor-Schule in Haiger haben es ausprobiert. 48 Stunden lang mussten die Siebtklässler einen mikrochip-gesteuerten Säugling versorgen - Teil eines Projekts des Caritas-Verbandes und der "Sozialarbeit an Schulen". "Oh, ist das süß!" Als es los geht, ist den Schülern die Spannung und Vorfreude auf die kommenden zwei Tage deutlich anzusehen. Sie können es kaum erwarten, "ihr" Baby endlich zu bekommen.

Sozialarbeiterin Eva Strässer (Caritas) leitet das Projekt zusammen mit Heike Schäfer und Veronika Metz, die als Sozialarbeiter in der Schule tätig sind, und erklärt den künftigen "Eltern", wie sie mit den Babys umgehen müssen. Mit einem Testprogramm wurde vorerst überprüft, ob alles funktioniert und die Teilnehmer mit den Puppen klarkommen.

Die meisten Jugendlichen betreuen ihre Babys zu zweit, damit es nicht zu anstrengend wird, denn die Puppen wurden nach realen Tagebüchern von Eltern mit Säuglingen programmiert. Das Projekt soll den Schülern eine neue Vorstellung von ihrem späteren Familienleben geben und ihnen zeigen, was es wirklich bedeutet, ein Baby zu haben.

Außerdem werden Fragen geklärt wie "Wie geht es mir in meiner Familie?", "Welche wichtigen Botschaften über das Leben haben meine Eltern mir mitgegeben - welche möchte ich meinen Kindern mitgeben?" oder "Was möchte ich noch erreichen, bevor ich Mutter/Vater werde?". Natürlich wird auch das Thema "Verhütung" aus führlich behandelt.

Doch dann geht es los: Jedes Baby reagiert nur auf seine "Eltern", die sich mit einem Chip an den Sensoren der Puppen anmelden müssen, bevor sie gefordert werden: Füttern, Windeln wechseln, Bäuerchen machen und beruhigendes Schaukeln gehören zu den Aufgaben der Schüler. Ganz schön anstrengend, das wird schnell klar!

02-25aWährend des Unterrichts werden die Babys "ausgeschaltet", doch sobald die Jugendlichen nach Hause kommen, melden sich die Kleinen wieder und dürfen anschließend nicht allein gelassen werden.
Höchste Aufmerksamkeit ist geboten: Die Puppen zeichnen jede Vernachlässigung, grobe Behandlung und Misshandlung auf. Außer dem vermerkt der Mini Computer, wie oft gefüttert und gewickelt wird. Und wehe, die "Mama" oder der "Papa" lassen ihren kleinen Liebling hungern - das wird alles dokumentiert. Als die Babys mit Namen Cem, Olga oder Megan Fox zurückgegeben werden, sind viele Schüler erschöpft. "Ich habe überhaupt nicht geschlafen", beschwert sich Marie, und Max beschwert sich: "Eigentlich wollte ich gar nicht in die Schule kommen, so kaputt war ich." Manches Baby wird in der Nacht vom völlig gestressten "Papa" in eine Decke gewickelt und in den Schrank gesperrt, andere liegen noch am Tag der Abgabe in den Armen eines relativ entspannten Elternteils.

Ein Baby aufzuziehen, ist kein Kinderspiel - soviel ist nach 48 Stunden klar. "Was glaubt ihr, wie lange Euer Baby über die Tage und Nächte insgesamt geschrien hat?", fragt Eva Strässer in der Nachbesprechung. Und schnell wird klar, dass die Wirklichkeit und der subjektive Eindruck der jungen "Eltern" weit auseinander liegen. "Fünf Stunden oder zehn Stunden", mutmaßen die Schüler - und sind überrascht, als sie hören, dass es bei den meisten nur 15 bis 25 Minuten waren. Der "Papa" mit der Schrank-Lösung musste allerdings völlig zu recht leiden: Sein schlecht versorgtes Kind schrie rekordverdächtige 131 Minuten lang.

"Die Ergebnisse des Projektes waren aber trotz der strapazierten Nerven der Schüler erstaunlich gut", sagte Eva Strässer. Die Babys seien überwiegend gut versorgt worden, viele Jugendliche hätten einen guten Eindruck davon bekommen, was es bedeute, Papa oder Mama zu sein. Die Schüler kehrten stolz und ein wenig erleichtert wieder in ihren Alltag zurück.
 
(Mit freundlicher Genehmigung des Haigerer Kuriers, Text und Fotos: Lisa Runzheimer.)

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 20. August 2014 12:40

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