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Aus dem Leben der Anderen

Haiger, 02.06.2012.
Ein neues "Langzeitprojekt" ist dieser Tage an der Johann-Textor-Schule (JTS) gestartet: Nachdem bereits seit einigen Jahren im Rahmen des Religionsunterrichtes eine Art "Kooperation" zwischen Alten-und Pflegeheim Ströhmann und Schülern der JTS besteht, wurde das Projekt jetzt ausgeweitet.Unter dem Titel "Andere Lebenswelten" ist es im Rahmen der Wahl-Pflichtkurse der Klassen 9 (Real- und Gymnasialzweig) angesiedelt. 16 Schülerinnen und Schüler besuchen - jeweils in Kleingruppen - das Altenheim, den Kindergarten "Klingelwiese" und die Reha-Werkstatt der Lebenshilfe in Haiger.

Lisa im Gespräch mit den Kindergartenkindern.Während im Kindergarten die Kommunikation und das Spiel mit den Kindern im Vordergrund steht, geht es an den beiden anderen Standorten um mehr: Hier werden Patenschaften zu den Bewohnern des Altenheims und zu den Beschäftigten der Lebenshilfe aufgebaut.
Jeden Donnerstagmorgen sind 16 Schülerinnen und Schüler mit Lehrerin Sabine Graben in der dritten und vierten Stunde unterwegs, um über den Tellerrand der Schule hinweg Einblick in andere Lebenswelten zu nehmen. "Unser Ziel ist soziales Lernen - soziale Kompetenzen stärken, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und das generationsübergreifend. Die Zusammenarbeit mit dem Altenheim lief im Religionsunterricht ja schon lange, wir wollten dies aber auf breiteren Boden stellen und dies ist mit dem Kindergarten und der Lebenshilfe dann im zweiten Schulhalbjahr gelungen", erklärt Lehrerin Sabine Graben.

Konkret sieht der Ablauf des wöchentlichen Besuchs in der Reha-Werkstatt der Lebenshilfe so aus: Mit Beginn der dritten Schulstunde machen sich fünf Neuntklässler auf den Weg zu den in der Nähe liegenden Werkstätten. Hier haben die Beschäftigten gerade ihre Frühstückspause und so ist Zeit zum Gespräch bei einer Tasse Kaffee. Danach geht jeder Schüler mit seiner Kontaktperson zur Arbeitsstätte, lässt sich den gerade anstehenden Arbeitsauftrag erklären und unterstützt seinen Partner bei der Arbeit. "Die gemeinsamen Gespräche in der Pause lockern die Atmosphäre, danach fällt die gemeinsame Arbeit leichter", sind sich Schüler und Beschäftigte einig.

In der Werkstatt sind derzeit 50 Personen vorwiegend mit Industriemontage beschäftigt. Weitere zehn Mitarbeiter sind "aushäusig" in heimischen Firmen tätig, erklärt Einrichtungsleiterin Monika Mundt. Auch über eine Gartengruppe verfügt die Lebenshilfe. Und außerdem betreibt sie die Stadtbücherei in Haiger, wo - neben einer hauptamtlichen Mitarbeiterin - die Beschäftigten mithelfen. Eine bunte Truppe ist in der Werkstatt am arbeiten: Unterschiedlichen Geschlechts und Alters und mit unterschiedlichem Temperament und Talent ausgestattet, haben sie eins gemeinsam: Durch eine psychische Erkrankung oder durch Suchtabhängigkeiten sind sie derzeit auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar. Hier versucht die Lebenshilfe den Weg in das "normale Leben" zu erleichtern.

Die Mitarbeiter der Lebenshilfe Dan (links) und Dieter (rechts) erklären Schüler David die Arbeitsabläufe der Industriemontage."Für einen Menschen, der an Depressionen leidet, ist es schon eine enorme Leistung, morgens früh - meist nach einer längeren Anfahrt - hier am Arbeitsplatz zu erscheinen", erklärt die Einrichtungsleiterin. Doch die hier Beschäftigten leisten mehr: In der Zeit zwischen 8.15 Uhr und 15.45 Uhr verrichten sie täglich ihre Arbeit. Entweder kommen sie im Rahmen der Berufsbildung oder einer beruflichen Rehabilitation hierher. Viel Geld verdienen sie in dieser Zeit jedenfalls nicht. Doch sie erhalten die Chance, dass sie nach einer gewissen Zeit in der Berufswelt wieder Fuß fassen können. "Dies kann auch im Arbeitsbereich der Werkstatt erfolgen", erklärt Monika Mundt.

Betreut werden die Beschäftigten von sechs Gruppenleitern und elf hauptamtlichen Mitarbeitern. Derzeit baut die Lebenshilfe eine Reha-Werkstatt in der Industriestraße, da die Räume der derzeitigen Werkstatt nicht mehr ausreichen. Hier soll später Platz für 80 Beschäftigte vorhanden sein. Wie wichtig die Arbeit ist, zeigt das Beispiel einer 49-jährigen Bankkauffrau, die wegen Depressionen und Suchterkrankung nicht mehr arbeitsfähig war: "Ohne die Lebenshilfe, hätte ich mich im Leben nicht mehr zurecht gefunden", erklärt sie und ist "stolz darauf ein Mitarbeiter der Lebenshilfe" zu sein.

Einblick in solche Schicksale zu erhalten, bereichert auch das Leben der Schüler. Sie lernen, Vorurteile abzubauen und entwickeln Verständnis für andere Menschen. Auch zu den Senioren im Altenheim Ströhmann bauen manche der Schüler intensivere Kontakte auf. Kontakte, die für beide Parteien bereichernd sind. Denn auch wenn die Schüler vordergründig die "Gebenden" sind, so empfangen sie auch einiges von ihren Kontaktpersonen. Auch beim Spiel mit den Kindergartenkindern gibt es intensiven Kontakt zu den Kindern und viele Möglichkeiten zu Gesprächen.

Ein "Nebeneffekt" des WP-Unterrichts ist sicher auch, dass er bei der beruflichen Orientierung der Schüler helfen kann. Aber noch haben die Schüler dazu ein Jahr Zeit. Und sie können die Kontakte im nächsten Jahr intensivieren. Denn das Angebot des Wahlpflichtkurses "Andere Lebenswelten" wird nach den Sommerferien auf das zehnte Schuljahr ausgeweitet.

(Mit freundlicher Genehmigung des Haigerer Kuriers, Text und Fotos: Ute Jung.)

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