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Stolpersteine gegen das Vergessen

Haiger, 18.06.2020

Verlegung der StolpersteineWer aufmerksam durch Haiger läuft, findet ab heute goldene Stolpersteine im Pflaster, die an das Schicksal der Haigerer Juden erinnern. Den Weg dazu bereitete schon 1996 die damalige Klasse 10R1 der Johann-Textor-Schule. Sie wurden dabei von ihrer Lehrerin Martina Stettner unterstützt. In akribischer Recherchearbeit (damals gab es noch kein Internet!) hatten sie dafür den Lebens- und Leidensweg der betroffenen Menschen recherchiert und dokumentiert. Mit Unterstützung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Dillenburg wurde das Werk dann veröffentlicht und auch in allen Leo-Baeck-Instituten weltweit archiviert. So konnten auch Nachfahren der Haigerer Juden in aller Welt darauf aufmerksam werden.

Im aktuellen Schuljahr 2019/20 haben Schüler eines Religionskurses der 10. Jahrgangsstufe des Realschulzweiges der JTS zusammen mit Frau Stettner das Projekt wieder aufgegriffen und sich um die Verlegung der Stolpersteine als eine Möglichkeit des würdigen Erinnerns bemüht. Zum Auftakt der Verlegung der Stolpersteine lobte Bürgermeister Mario Schramm diese Arbeit und mahnte mit Blick auf die aktuelle Situation in den USA davor, dass Hass und Rassismus auch in unserer Gesellschaft immer noch präsent sind. Das von Paten und durch Spenden finanzierte Projekt trage dazu bei, die Erinnerung an die Haigerer Juden wachzuhalten und stelle einen „wichtigen geschichtlichen Meilenstein“ in Haiger dar. Stadtverordnetenvorsteher Bernd Seipel warnte davor, dass Menschen mit anderer Religion und Hautfarbe in Deutschland nicht mehr sicher seien und sah die Steine als einen Beitrag, um „weitere Tragödien wie in Kassel, Halle und Hanau zu verhindern“.

Nils Fladerer, der vor 24 Jahren als Schüler an dem Projekt mitgearbeitet und damals eine Exkursion nach Buchenwald organisiert hatte, las im Anschluss den Text „Haltet das Gedenken wach“ von Ellie Wiesel. Renate Steinseifer vom Haigerer Geschichtsverein wies auf die Freude der Angehörigen über einen Ort des Gedenkens hin und stellte vor Verlegung der ersten Steine das Schicksal der Familie Hirsch vor, die in der Kreuzgasse 7 gelebt hatte. Silvia Zimmermann-Hannig, eine andere ehemalige Schülerin Stettners legte Rosen nieder und Tamara Kraus begleitet die Zeremonie mit dem Geigenstück „Hine Ma Tov“. Zum Abschluss sprach Stettner das jüdische Totengebet „Kaddisch“.

Verlegung der StolpersteineAm nächsten Verlegeort in der Hauptstrasse 25 stellte sie die Geschichte von Irma Strauß und Jettchen Bornheim vor. Zum Gedenken trugen die beiden Schülerinnen Annalena Dünkel und Leonie Weyel aus der 10R3 das Gedicht „Theresienstadt“ vor. Seipel schilderte im Anschluss die herzliche Gastfreundschaft, die er in Israel bei der Familie einer Auschwitzüberlebenden erfahren durfte. Diese habe zwar nie vergessen und verziehen, was geschehen sei, wichtig sei aber nun die Aussöhnung. Nach einem weiteren Geigenstück sprach Steinseifer an jedem Verlegeort das Glaubensbekenntnis der Juden, „S`hma Israel“.

In der Johann-Textor-Strasse 5 befindet sich der dritte Verlegeort, das Haus der Familie Löwenstein. Die drei Kinder des Viehhändlers emigrierten 1938 nach Amerika. Ihre Eltern Isaak und Gertrud gingen mit dem gleichen Ziel nach Holland. Von dort wurden sie jedoch im Februar 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und vergast. Leonie las zum Andenken einen Text von Martin Niemöller und legte gemeinsam mit Annalena Rosen an dem Gedenkort nieder.

Verlegung der StolpersteineAm Frigghof 5 wurde zum Abschluss der Veranstaltung eine Gedenktafel angebracht, die an den ehemaligen Wohnort von Selma, Berta und Wilhelm Hirsch erinnert. Die gebürtige Haigerin Selma Hirsch zog nach ihrer Heirat nach Herborn. Sie hatten zwei Kinder. Sie entschied mit ihrem Mann die Kinder mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Der Vater konnte schließlich über England mit den Kindern in die USA fliehen. Durch den Kriegsbeginn konnte die Mutter, Selma, der Flucht ihrer Familie über England in die USA nicht folgen und wurde 1942 im Vernichtungslager Sobibór getötet. In einem Brief schrieb sie ihrer Familie: „Vergesst mich nicht!“. Ihre Schwester Berta hatte einen ähnlichen Lebensweg und wurde ebenfalls in Sobibór ermordet. Ihr Bruder Wilhelm zog 1937 von Haiger nach Frankfurt und konnte nach einer Zeit im Konzentrationslager Dachau nach England flüchten.

Stettner verlas einen Brief von Ronald Volk, einem Enkel von Selma Hirsch. Ronald Volk entdeckte die Schülerbroschüre in New York und erfuhr durch sie Vieles über das Schicksal seiner Großmutter Selma und war 2004 zur Spurensuche in Haiger. Er sprach in seinem Brief nicht von einer Schuld der Deutschen, aber von ihrer moralischen Pflicht, gegen Holocaustleugner zu sprechen und alles dafür zu tun, dass sich solch eine Tragödie nie wieder und nirgendwo wiederholen wird.
Abschließend dankte Schramm den Organisatoren und dem Künstler Gunter Demnig für die Idee der Stolpersteine. Für die Schülerinnen war es eine bewegende Veranstaltung: „Es war eine sehr emotionale, wichtige Feier, die so in Haiger noch nicht stattgefunden hat. Ich bin stolz, dass ich teilgenommen habe.“ hebt Leonie Weyel hervor.

Da aufgrund der Coronapandemie Nachfahren aus den USA, Kanada, Israel, England und der Schweiz nicht teilnehmen konnten, ist für sie eine weitere Gedenkveranstaltung geplant. Nachzulesen sind die Schicksale der Haigerer Juden in dem bald erscheinenden Buch „Flucht aus Haiger. Sechs Länder und das Siebte war kein Land zum Leben.“ von Steinseifer.

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