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Erlebnisse im "Wunderjahr 1989"

Haiger, 21.12.2013.

Spannenden Religions- und Geschichtsunterricht mit einem bestens informierten Zeitzeugen erlebten jetzt rund 120 Gymnasialschüler der Klassen 9 und 10 der Haigerer Johann-Textor-Schule.

Albrecht Kaul aus Chemnitz berichtete in Haiger.Albrecht Kaul (69), in Chemnitz geboren und aufgewachsen, berichtete von seinen Erfahrungen als Christ in der DDR und im "Wunderjahr 1989". Dieses Jahr sei in der Tat ein Wunderjahr gewesen, weil es die einzige größere umwälzende Revolution der Geschichte gewesen sei, die durch Kerzen und Gebete zustande gekommen und vollständig friedlich verlaufen sei.

"Die 70 000 Teilnehmer der Montagsdemonstrationen sind Helden, weil sie wussten, dass die Demonstration gewaltsam niedergeschlagen werden sollte und trotzdem demonstriert haben." Der Einsatz des Militärs sei sehr gut vorbereitet gewesen, in Krankenhäusern seien sogar Abteilungen für Menschen mit Schussverletzungen vorbereitet worden. "Die bereits befohlene militärische Niederschlagung wurde auf wundersame Weise nicht umgesetzt", erläuterte der 69-Jährige.

Auch der Live-Auftritt von Günter Schabowski bei der Pressekonferenz am 9. November 1989 - als die DDR-Führung den Bürgern lediglich erlauben wollte, zwischen den Weihnachtstagen und Neujahr vorübergehend unkompliziert in den Westen zu reisen - sei "zum Wunder geworden". Auf Nachfrage, ab wann die Reiseerleichterung gelten solle, fand Schabowski die zeitliche Begrenzung im Dokument nicht und antwortete: "Ich glaube, das gilt ab sofort. Unverzüglich". Spontan strömten Tausende zu den Grenzübergängen und konnten ihr Glück nicht fassen.

Das "Wunderjahr 1989" hätten fünf bis zehn Leute eingeleitet, die seit 1979 in der Nikolaikirche in Leipzig für Frieden gebetet hätten. Daraus seien im Lauf der Zeit durch einen enormen Zuspruch die "Montagsgebete" und die Montagsdemonstration entstanden - obwohl "Demos" streng verboten gewesen seien.

Kaul berichtete auch von der Bespitzelung durch die Stasi. In seiner 220 Seiten starken Akte findet sich der Hinweis: "Ist als politischer Gegner des Staates einzuschätzen, weil er die Jugendlichen vom wahren Weg des Sozialismus abhält." Die Bespitzelung sei nahezu allumfassend gewesen, kaum jemand habe sich außerhalb der Familie und des engsten Freundeskreises getraut, offen zu reden. Ein Tonbeispiel, in dem ein Ehemann seine Frau bei der Stasi "anschwärzt", zeigte, dass selbst der vertraute Kreis nicht sicher war. Wir wussten, dass die viel wussten. Aber ich habe damals nie gewusst, wer auf mich angesetzt ist und dass die so viel über mich wussten", sagte Kaul.

Schon als Kind habe er die Benachteiligung durch das System DDR erlebt, da er als Christ nicht studieren durfte. Als 14-Jähriger habe er sich in einer Freizeit zum Glauben an Jesus Christus entschieden - wohl wissend, dass das deutliche Konsequenzen haben würde. Am Tag darauf habe die Polizei die Freizeit mit sofortiger Wirkung als "staatsfeindlich" aufgelöst. "15 Jahre alte Jungen haben geheult vor Wut darüber, dass der Staat eine so schöne Freizeit einfach auflösen könne."

Das DDR-Regime habe massive Probleme mit der kirchlichen Jugendarbeit gehabt, weil dort nicht die Partei, sondern Gott als letzte Instanz vermittelt wurde. Als 17-Jähriger habe er sich erträumt, ein Jahr später durch die Besatzungszone in Berlin in den Westen zu gelangen. Doch dazu kam es nicht, da die Mauer 1961 gebaut wurde und seine Pläne vereitelt wurden. "Mit der friedlichen Revolution und dem Mauerfall wurde für mich das wunderbare Eingreifen Gottes in die Geschichte sichtbar", meinte Kaul.

Interessante Einblicke gab es für die jungen Leute auch durch Videobeiträge über die Stasi und die Möglichkeit, Auszüge einer Original-Stasi-Akte einzusehen. Kaul gehört der Organisation "Wunderwerke" an und war auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinden Allendorf, Dillbrecht und Oberroßbach nach Haiger gekommen, deren Konfirmanden ebenso wie 150 Berufsschüler aus Dillenburg den Vortrag des Zeitzeugen hörten.

(Mit freundlicher Genehmigung des Haigerer Kuriers, Text: Ute Jung.)

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 10. Mai 2014 17:15

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